Fragen und Antworten für Eltern von Frühgeborenen

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Fragen und Antworten

Ihr Kind ist früher als geplant geboren worden. Dies bringt eine Reihe von Problemen und Ängsten mit sich. Wenn Sie Ihr Kind in den ersten Wochen auf den Frühgeborenenstationen besuchen, werden Sie hören, daß auch eine augenärztliche Untersuchung notwendig ist. Wir möchten Ihnen im folgenden erklären, warum die augenärztliche Untersuchung sinnvoll ist und was dabei geschieht.

Die Netzhaut des Auges

Die Netzhaut des Auges enthält die Sinneszellen, die das Licht der Umwelt einfangen und in Nervenimpulse umwandeln. Diese Nervenimpulse werden an das Gehirn weitergeleitet und so entsteht unser Bild von unserer Umwelt. Die endgültige Entwicklung der Netzhaut erfolgt im letzten Drittel der Schwangerschaft und ist in der Regel zum normalen Geburtstermin abgeschlossen.

Die Netzhaut bei Frühgeborenen

Wird ein Kind früher geboren, ist die Netzhaut noch nicht vollständig ausgereift. Das erkennt man daran, daß die Blutgefäße der Netzhaut noch nicht ausgewachsen sind. Die Blutgefäße wachsen von der Mitte des Auges nach außen. Je früher ein Kind geboren wird, um so weniger weit sind die Gefäße nach außen gewachsen.

Dies ist meistens problemlos, weil das weitere Wachstum der Blutgefäße bei vielen Kindern trotzdem völlig ungestört verläuft. Insbesondere bei sehr unreifen Kindern kann es jedoch zunächst zu einer Unterbrechung des normalen Wachstums kommen. Auch jetzt wird oft noch ein verzögertes, aber sonst normales Wachstum einsetzen. In einigen Fällen tritt jedoch eine Entwicklungsstörung ein. Dabei kann ein überschießendes Gefäßwachstum einsetzen, bei der die Netzhautgefäße ihre normalen Bahnen verlassen und in das Augeninnere, den Glaskörper hineinwachsen. Dies kann man als einen unglücklichen Versuch der Netzhaut verstehen, die Gefäßbildung besonders schnell voranzutreiben. Auch dieses Stadium ist in den meisten Fällen rückbildungsfähig.

Es besteht jedoch auch die Gefahr, daß die überschießende Gewebsneubildung zu einer Netzhautablösung führt. Diese Netzhautablösung würde für das Kind einen schweren Sehverlust bedeuten und, weil die Erkrankung meistens beide Augen gleichzeitig betrifft, eine weitgehende oder vollständige Erblindung. Es ist jedoch bei einer solchen überschießenden Gewebsneubildung in den meisten Fällen möglich, die Erblindung bei frühzeitiger Behandlung mit einer Kälte- oder Laserkoagulation zu verhindern. Aufgrund der regelmäßigen Kontrolle und bei einer frühzeitigen Behandlung haben wir bei unseren Kindern in den letzten fünf Jahren keine Erblindung mehr beobachtet.

Warum eine augenärztliche Untersuchung?

Leider gibt es keine Möglichkeit vorherzusagen, welches Kind ein Problem an den Augen entwickeln wird und welches nicht. Aus diesem Grunde wird eine regelmäßige augenärztliche Untersuchung durchgeführt, bis für die Kinder kein Risiko mehr besteht.

Welche Kinder sollten untersucht werden?

Es gibt verschiedene Faktoren, die die Gefäßentwicklung beeinflussen können. Früher ist die Gabe von Sauerstoff bei der Beatmung als wichtiger Faktor angesehen worden. Durch die in den letzten Jahren wesentlich verbesserten Beatmungsgeräte und die verbesserten Möglichkeiten der regelmäßigen Kontrolle des Sauerstoffgehalts im Blut hat dieser Faktor weniger Bedeutung. In zahlreichen Studien hat sich gezeigt, daß ein Risiko um so höher ist, je unreifer ein Kind ist, d. h. je niedriger das Gewicht und die Schwangerschaftsdauer ist. Daher untersuchen wir Kinder, die mit weniger als 1.500 g geboren werden. Kinder mit höherem Geburtsgewicht werden nur bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren wie längerer Beatmung, Operationen oder schweren Erkrankungen in die Vorsorgeuntersuchung mit einbezogen.

Wann finden die Untersuchungen statt?

Vor der 6. Lebenswoche besteht kein Risiko für die Entwicklung einer behandlungsbedürftigen Netzhauterkrankung. Die erste Untersuchung sollte daher in der 6. Lebenswoche stattfinden. Sind die Blutgefäße dann ausreichend entwickelt, sind weitere Untersuchungen nicht erforderlich. Bei nicht ausreichender Entwicklung hängt die Häufigkeit und der zeitliche Abstand von Folgeunter- suchungen vom Befund und weiteren Verlauf der Entwicklung ab. Gegebenenfalls kann die Untersuchungen nach Entlassung Ihres Kindes ambulant erfolgen.

Was geschieht bei der Augenuntersuchung?

Um die Netzhaut am Augenhintergrund gut und schnell untersuchen zu können, bekommt Ihr Kind zunächst dreimal Augentropfen, die die Pupillen weitstellen. Unmittelbar vor der Untersuchung werden Betäubungstropfen getropft, welche die Berührung des Auges völlig schmerzfrei machen. Es wird ein Sperrer eingesetzt, der die Augenlider offenhält. Dann wird mit einem Augenspiegel und einer Lupe der Augenhintergrund ringsherum untersucht. Da die zu erwartenden Netzhaut-veränderungen meistens zum Rande der Netzhaut liegen, wird das Auge zusätzlich mit einem Hilfsinstrument gedreht. Diese Untersuchung sieht etwas unangenehm aus, ist aber für das Kind nicht schmerzhaft. Die meisten Kinder schreien trotzdem, weil sie nicht wissen was auf sie zukommt und weil sie durch das helle Licht geblendet werden.

Wann ist eine Behandlung erforderlich?

Wenn die Blutgefäße wenig ausgewachsen sind und die überschießende Gefäßneubildung die Hälfte der Netzhaut betrifft, ist eine Behandlung der nicht mit Blutgefäßen versorgten Netzhaut mit Kälte- oder Laserkoagulation sinnvoll. Dies betrifft jedoch nur wenige Kinder (ca. 5 %).

Gibt es weitere Probleme an den Augen in der Zukunft?

Kinder, die eine verzögerte Entwicklung der Blutgefäße hatten, entwickeln in der Folge häufiger eine Fehlsichtigkeit oder ein Schielen. Beide Veränderungen sind mit Brille oder anderen Maßnahmen behandelbar. Für die Entwicklung der Sehfähigkeit ist es jedoch wichtig, frühzeitig diese Veränderungen zu entdecken. In den ersten Monaten darf ein Kind hin und wieder schielen. Sollte Ihr Kind ca. ein halbes Jahr nach dem errechneten Geburtstermin zeitweise schielen oder schon vorher ständig schielen, ist eine augenärztliche Untersuchung erforderlich.

Kann unser Kind schon sehen?

Diese Frage wird uns sehr häufig gestellt. Beim 'Sehen' nehmen die Augen Licht aus unserer Umgebung wahr und vergleichen diese Eindrücke mit unserer Erinnerung, dadurch 'Erkennen' wir die Umgebung. Ihr Kind nimmt auch Licht aus der Umgebung wahr. Es muß sich aber erst seine eigenen Erinnerungen schaffen, mit denen es die Umgebung wiedererkennt. Das bedeutet, daß Ihr Kind mit den Augen sieht, aber noch nicht weiß, was es sieht.